Gudrun Orlet

 

Personen

Sie, Er, Sprecher, zwei Tanzende

 

«Die Sprecher-Subjekte können ohne Vorgeschichte und ohne private Prägung herbeizitiert werden. Entfremdetes Treffen. Reisen an alle Orte, die möglich sind, werden möglich. Und. Machtlose Menschen sind ohnehin überall der Öffentlichkeit ausgesetzt.»[1]

 

«Die letzte Form der Darstellung von Denken ist seine Überleitung in die Figur. Das Drama entsteht.»[2]

 

Für die Freiheit.

Für Menschen, die ihre Freiheit auch unter widrigen Umständen bewahren.

 

Entstehung

In ihren Werken beschäftigt sich Gudrun Orlet mit Manipulation, Macht und Ohnmacht, die im Verborgenen geschehen und von geschlossenen Systemen geschützt werden. Die Verbrechen, die töten ohne dass Blut fliesst, die Reminiszenz an Ingeborg Bachmann, die Gudrun Orlet in das Libretto einarbeitet.

 

Das vorliegende Libretto ist der Abschluss ihrer Trilogie, die mit dem Roman «Januarweis» begann und mit dem Lyrikmanuskript «Littering» fortsetzt wurde. Das Langgedicht «Littering», das Ausweglosigkeit, mentale Brüche mit dem Präsenten eines nicht verortenden Grauens vereint, ist die inhaltliche Basis des Librettos.

 

Ebenso liegt dem Libretto, wie den anderen Werken der Trilogie und ihrem poetischen Denken, die Frage zugrunde «Ist die Abwesenheit der Liebe das Böse?»

Die Autorin finden ein Äquivalent im Wort «lichtlos» bei Paul Celan.

 

Zeitstruktur und Sprachästhetik

Chronos versinnbildlicht in den Mythen der Orphiker den Ablauf der Zeit, ein Gegensatz zur neuen zeitlichen Wirklichkeit im Netz: Alles geschieht gleichzeitig, ohne jemals ein Ende zu finden. Im Bühnenwerk «Chronos» wird die lineare Zeitstruktur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgelöst. Das Leben ist ein immerwährendes Kontinuum hinein in alle zeitlichen Richtungen.

 

Eine Überlagerung verschiedener Zeiten und Erlebenshorizonte drängt in das Leben der Protagonisten. Einflussnahmen und Machtübernahmen sind Dynamiken, die aus dem Zeit- und Strukturvakuum entstehen. Das wird nicht in der Gleichzeitigkeit von Geschehnissen aus einer Zeit realisiert, sondern in der Gleichzeitigkeit vermeintlicher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

 

Die Poesie kann der Vielschichtigkeit, Gleichzeitigkeit und der Überlagerung der Zeit eine angemessene Form verleihen. Poetik verbindet das Vertikale mit dem Linearen in Kombination mit der undefinierten Zeitdimension. Dabei entsteht ein mehrdimensionaler Körper, der Perspektiven und Blickwinkel eröffnet, der über das Lineare und Kausale hinausreicht.

 

Dennoch sind im Libretto Kausalitäten in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erkennbar: Identitätsfragment «Soldat» ist ein Vergangenheitsfragment; in der Person «Sie» dominieren gegenwärtige Aktionen, allerdings ist ihre ursprüngliche Handlung, der Sprung in den Tod, eine Reaktion. Im dritten Akt entsteht auch eine Kausalität: Sie: Flucht, Er: Wiedergutmachung, Sprecher: Fortsetzung der Destruktion.

 

Thema und Inhalt

«Auch Erdtonnen beruhigen kein Geistern

das Versprechen der Erlösung

- die Verlockung der Todesvögel -

das Menschen dem Tod auf die Zunge legen

spuckt er auf ein neues, werdendes Leben

im Staffellauf der Erlösung gibt es keinen Sieg»

(aus: «Chronos», Libretto)

 

Mit diesen Worten warnt der Sprecher «Sie» vor allzu erlösungssehnsüchtigen Taten. Nach ihrem Lamento erkennt «Sie», dass ihr Sprung in den Tod keine Erlösung aus ihrem von Bedrängnissen geplagtem Leben ist. Der Tod, gewöhnlich das Ende einer Oper, das häufige Schicksal der Frau sich durch den Tod zu opfern und damit die Lösung, die Befriedung herbeiführen, bestimmt in Chronos den Beginn der Oper. 

 

«Sie» findet sich weder im Tod noch in einem einordbaren Leben wieder. Anstelle einer erlösenden Befreiung im Tod, wird sie nach und nach ihrer Erinnerung und mentaler Klarheit beraubt. Die Ursache der Geschehen bleibt unbenannt und ungelöst. Die Figuren beginnen, aus einer für sie undurchsichtigen Situation zu erstehen. Ohnmacht und die Unmöglichkeit der Flucht sind im Text durch die Abwesenheit der Zeit, und in Folge dessen der Aufhebung des Todes, in Szene gesetzt. Eine Sisyphus Qual, die jeden Versuch eine Lösung herbei zu zitieren, zum Scheitern verurteilt, und jede Leidensfrage eine ist, die den Menschen auf sich selbst zurückwirft.

 

In Chronos ist die Kraft der Erlösung oder der Transzendierung durch den Tod verunmöglicht, ein Ende durch und im Tod ist unmöglich. Das Ungelöste durch Jenseitiges oder einem Ende durch die Absolutheit des Todes zu lösen, ist aufgehoben. Der Tod und das Lebensende sind in dieser Oper ausgesetzt.

Umgesetzt ist das Aussetzen des Todes mit der Anleihe an die griechische Mythologie, Chronos, Herrscher und Personifizierung der Zeit, ist erbost über die Aneignung der Macht der Menschen über den Tod und das Leben; Thanatos verweigert seine sanfte Hand des Todes und die Sisyphus Qual nimmt seinen Lauf.

 

Die Protagonisten sind bereits zu Beginn das Ergebnis der Destruktion. Manipulation, Herrschaft und Machtausübung. «Er» lebt in den Fragmenten eines Soldatenlebens. «Er» schliesst an die Soldatenschritte vom Ende der Oper «Die Soldaten» von Alois Zimmermann an, die Oper, die im Grauen endet; in «Chronos» ist das Grauen andauernder Hintergrund, dem die Protagonisten entspringen und jede*r auf seine Weise entkommen will.

«Er», der im Hören ihrer Stimme glaubt sich in einer Identität eines Soldaten wiederzufinden, wird von Zeitfragmenten aus Kriegstraumen heimgesucht und nimmt die Identität des Soldaten als seine reale an. «Er» bewegt sich innerhalb fluoreszierende Identitätsmerkmale einer versprengten Vergangenheit nach mentalen Verwüstungen. Im weiteren Verlauf, im Sehen der «Sie» und einem Foto, wird «Sie» für «Er» seine Ehefrau und Liebe.

 

«Sie» ist aus einem Etwas entflohen, ansonsten ist die Herkunft oder Identität ihr selbst unbekannt. «Sie» wird über das gesamte Libretto weder verortet noch gewinnt sie an Identität. «Sie» entzieht sich zunächst den Zuschreibungen von «Er», bemerkt, dass sie nicht tot sein kann, auf keine Identität eines Ichs zugreifen und nicht verorten kann, damit auch Bedrohungen ausgeliefert ist.  «Sie» fühlt sich zunehmend auch von «Er» bedroht. Gleichzeitig erkennt «Sie», dass sie in einer zeitlosen, identitätslosen Existenz lebt, in eine Art Vakuum gefallen ist. «Sie» willigt dann der «Realität» des Er ein, sie seien das einstige Ehepaar, weil «Sie» weiss, dass sie nur gemeinsam dem Grauen bestehen können. Das war ein fataler Irrtum, denn im Beginn im 3. Akt unterliegen sie der Herrschaft zur Optimierung ihrer Körper zur Produktion neuer Biomasse. Ihre ohnehin auf ein Minimum reduzierte Selbstbestimmung ist durch die Unterwerfung wieder gänzlich vernichtet.

 

Die Frage, ob es «Sie» und «Er» gelingt, dem Sog des Zeitlosen zu widerstehen und den Wettlauf mit den zunehmenden Herrschaftsansprüchen aus vergangenen Zeiten zu gewinnen, verliert an Relevanz, da «Er» sich in der Verantwortung für die Vergangenheit sieht. «Sie» erkennt, dass sie einem Leben ausgesetzt sind, das vielmehr dem Imitieren eines herzlosen Lebens entspringt als das Leben selbst ist. Durch einen Traum und die Aufforderung zum Schrei (in diesem Libretto: der Schrei, als Kraft und Wille zum Leben) trifft «Sie» die Entscheidung der Flucht.

 

Der Sprecher, zunächst frei von Identitäts- und Bindungswünschen, weiss sich im Verlauf ein Ich anzueignen, verfällt zusehends der Versuchung sich im vorherrschenden Zeit- und Strukturvakuum Macht anzueignen und Herrschaft über «Sie» und «Er» auszuüben, um schlussendlich dem «Er», im Sterben die Identität zu rauben.

 

Im Finale schafft «Sie» es nicht «Er» zu überreden, um zumindest die Chance der Flucht zu ergreifen; für «Er» bedeutet die Liebe zur vermeintlichen Ehefrau «Sie» mittlerweile weniger als dem Sog der Soldaten Folge zu leisten. Doch «Er» wird die Vergangenheit nicht erreichen, denn der «Sprecher» hat sich mittlerweile für die Faszination der Macht entschieden und raubt im Sterben des «Er» dessen Identität und Leben.

 

Ein Finale im Triptychon. Wobei möglicherweise der Unausweichlichkeit der Machtbegehren ein Quäntchen mehr Gewicht überlassen wird; vielleicht aber auch in der Flucht der «Sie» die entscheidende Feder des Lebens innewohnt. «Er» ist verloren.

 

[1] Marlene Streeruwitz. Sein. Und Schein. Und Erscheinen. Dramatheorie. Reclam. München 2011. S. 544

[2] Walter Benjamin. Bericht vom Drama (1925). Reclam. München 2011. S. 415