Barbara Pfyffer

Macht der Membran

 

Im Libretto von «Chronos» ist ganz zu Beginn die Rede von einem Wabern: einem Herzschlag ähnlich und in kontinuierlich sanfter Bewegung soll es sichtbare Regungen auf der Bühne geben; ein schlafähnlicher Zustand mit gedämpfter Lebendigkeit. Dieses Wabern ist Leitmotiv und Herzstück dieser Inszenierung und wird hier für den Raum sinnbildlich umgesetzt: Ein grosses skulpturales Objekt aus weichen, beweglichen Schichten besetzt die Bühne; eine sanft pochende, sinnliche Landschaft, bestehend aus zwei bis drei Inseln, lose untereinander verbunden.

 

Das Musikensemble befindet sich als Gruppe zwischen den Inseln, einzelne verlassen vereinzelt ihre Position und werden mit den Sänger-/Tänzer*innen Teil der atmenden Membran. Das Wabern bildet ein geheimnisvolles Zentrum und Ausgangspunkt für Begegnungen und Bewegungen von „SIE“ und „ER“ (vgl. Libretto) – einerseits lustvoll und bisweilen auch grauenvoll, ein Werben von nebeneinander existierenden Extremen und Existenzen. Die textilen Schichten bewegen sich mit entsprechender Manipulation durch Darsteller*innen. Darunter wummert im Innern ein langsam pochendes Licht. Diese liebliche Stimmung wirkt mittels eines Licht- und Tempowechsel schlagartig unheimlich und wird zur Projektionsfläche der düsteren Emotionen dieses Librettos, gefolgt von wieder aufhellenden und hoffnungsvollen Momenten.

 

Ein- und Ausgänge für Zufluchten und Möglichkeiten des Verschwindens in den Hügeln dienen der Inszenierung für das wiederkehrende Thema der Flucht (vor den andern / vor sich selbst / vor dem Unausweichlichen).

Erhöhte Plattformen erlauben exponierte Positionen z.B. für die Umbruchszene des Schicksalsschlags im 3. Akt, der ein Leben komplett verändert: Es erklingt ein grosser Schrei, inszeniert z.B. mit einer Figur als Kontur beleuchtet, welche anschliessend in der Dunkelheit versinkt.

 

Es gibt in dieser Bühnenlandschaft Sitz- und Stehgelegenheiten auf verschiedenen Niveaus, kleine Plattformen, Bewegungen mit der Skulptur und auf der Skulptur. Es entstehen bildreiche Variationen, ergänzt mit Gobo-Lichtprojektionen, überraschenden Auftrittsorten sowie Verwandlungen: z.B. Drehen, Anheben und Abspreizen der Membranschichten.

Die modulare und in der Grösse variable Bühnenkonstruktion ist tourneetauglich für unterschiedlichste Spielorte.

Im Zusammenhang mit dieser Landschaftsidee erwies sich auch der Vortragssaal des Kunsthauses als eine Inspiration: der breite Raum mit einer weiten Horizontalen und einer grossen, beckenartigen vertieften mittigen Zone mit spiegelnden Boden, umrandet durch Stufen, bildet einen zentralen Ort für die Membran und schafft zugleich freien Platz, um sich ausserhalb davon beobachtend oder im Hintergrund am Rand zu bewegen. 

 

Die abstrakte Ästhetik unterstützt die Zeit- und Ortlosigkeit des Librettos und dessen Grundthema der Überlagerung von Zeiten/Gleichzeitigkeit von Ereignissen, welche hier den eigentlichen Schrecken bezeichnen, bzw. die Unmöglichkeit, diesem Umstand zu entkommen.

Die Atmosphäre des Stückes bewegt sich zwischen Hell und Dunkel: Szenen und Figuren tauchen schemenhaft und als Kontur aus dem Schwarz auf, gefolgt von kontrastreichem Lichteinfall. Inseln, Kostüme oder Masken werden zu leuchtenden Objekten. Vereinzelt kommen kurze stroboskopartige Blitz –und Nebeleffekte zum Zug für Übergänge oder es werden Taschenlampen benutzt für freie Bewegungen mit intimem Licht im Raum.